Jeden Abend wartet Waschbär Walter darauf, dass das schicke Restaurant auf der anderen Seite des Flusses seine Türen öffnet. Dann schwimmt er durch den Fluss und durchwühlt den Müll der Menschen nach Essensresten – obwohl die anderen Waschbären ihm das verboten haben.

Wenn einer einen Teller klaut

Die Geschichte vom Tellerdieb spielt in der Nähe einer Stadt – weit genug entfernt, dass „die Straße in Schotter übergeht und der Schotter allmählich zu einem Feldweg wird“. Dort am Fluss lebt Waschbär Walter gemeinsam mit seinen Eltern in einer Waschbärengruppe. Die älteren Waschbären hatten lange Zeit in der Stadt gelebt und sich von den Abfällen der Menschen ernährt. Doch die Menschen mochten es nicht, dass die Waschbären in ihrem Müll herumwühlten und vertrieben sie. Am Fluss haben die Tiere ein neues Zuhause gefunden und tun, was Waschbären eben tun:

„Sie tauchten jede Muschel ins Wasser – 17 Mal, wie es für Waschbären üblich ist. Und nachdem sie gegessen hatten, wuschen sie die Muschelschalen aus und hinterließen große Haufen Schlamm.“

Keiner der Waschbären hatte Interesse daran, zu den Menschen auf die andere Seite des Flusses zu schwimmen. Niemand wollte Ärger bekommen. Bis auf einen Waschbären: Walter mochte nämlich kein normales Waschbärenessen. Frösche, Schnecken, Eicheln und Co verschmähte er. Stattdessen mochte er lieber die Speiserreste aus dem Müll der Menschen. Und so wartete er Abend für Abend darauf, dass das Restaurant auf der anderen Flussseite öffnete. Dann schwamm er hinüber und wühlte sich auf der Suche nach Nahrung durch die Mülltonnen. Er war ein Meister-Essensdieb.

„Gegen Ende der Nacht schwamm er mit einem vollen Teller über den Fluss und aß schnell, ganz alleine. Dann tauchte er den Teller 17 Mal ins Wasser und legte ihn ans Ufer, wo es schon einen großen Tellerstapel gab.“

Eines Tages aber wird Walter von seinen Eltern erwischt und einer der ältereren Waschbären entscheidet, dass sie alle gemeinsam die Teller zurückbringen würden. Gesagt, getan: die Waschbären wuschen die Teller (natürlich tauchten sie diese dabei 17 Mal ins Wasser) und machten sich dann auf den Weg zum Restaurant. Was dann passiert, war allerdings so nicht geplant …

Waschbären, Verschwendung und Rebellion

Die Geschichte vom Tellerdieb Walter hat sehr schöne Details. Meiner Meinung verschenkt sie allerdings mit den Illustrationen etwas von ihrem Potential. Für mich hätten diese ausdrucksvoller sein können, um den Charakter von Walter und seinen Artgenossen besser zu unterstreichen. Denn die Zeichnungen haben meine Aufmerksamkeit eher auf den Hintergrund als auf die Protagonisten gelenkt und ich ertappte mich bei der Frage, ob wohl zuerst der Baum oder die Waschbären gezeichnet wurden. Gerade am Schluss des Buches hätte man die Pointe mit einer ausdrucksstärkeren Zeichnung meiner Meinung nach besser herausarbeiten können. Das ist aber sicher dem Stil der Illustratorin geschuldet und am Ende eine Geschmacksfrage. Die Geschichte an sich ist sehr schön und bietet allerhand Gesprächsstoff. Die Beschreibung der Waschbären hat bei mir sofort die Lust geweckt, mehr über die Tiere zu erfahren und ihr Verhalten besser zu verstehen. Außerdem bietet das Buch eine wunderbare Gelegenheit über das Thema Verschwendung zu sprechen. Wie viele Essensreste tagtäglich gedankenlos im Müll landen:

„Dann wühlte er sich sich durch die Mülltonnen und häufte auf seinen Teller, was er finden konnte: labberige Pizza, Ketchup-Päckchen und dicke Bohnen.“

Und natürlich geht es auch um das Anderssein und um das Rebellieren den Älteren gegenüber. Walter mag das Waschbärenessen nicht und sieht gar nicht ein, warum er keine Mülltonnen durchsuchen sollte: „Warum sollten wir die leckeren Reste nicht essen? Die Menschen werfen sie doch in die großen Tonnen, damit wir sie finden?“ Dass die Waschbären von den Menschen vertrieben wurden, weil sie die Mülltonnen durchsucht hatten, weiß er natürlich nur aus Erzählungen der Alten. Alles in allem ist Der Tellerdieb also ein schönes Kinderbuch.

Buchinformationen

Griffin Ondaatje: Der Tellerdieb
Mit Illustrationen von Linda Wolfsgruber
NordSüd Verlag, Zürich 2019
Hardcover, 32 Seiten
Ab 4 Jahren
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Klappentext

Walter wäre ein ganz normaler kleiner Waschbär, hätte er nicht die lästige Angewohnheit, immerzu Teller zu klauen. Ausgerechnet das Restauran am Fluss hat es ihm besonders angetan. Das gefällt der Waschbärensippe gar nicht. Sie beschließt, dass alle Teller zurück gebracht werden müssen. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes.

der tellerdieb

Der Tellerdieb

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Anmerkung: Das Buch „Der Tellerdieb“ wurde uns freundlicherweise als Rezensionsexemplar vom NordSüd Verlag zur Verfügung gestellt.

Autor

Als ich klein war, konnte ich es nicht abwarten, endlich selber lesen zu können. Ich liebte es sehr, wenn meine Eltern mir aus Büchern vorlasen. Aber es reizte mich, es ihnen gleich zu tun und selbst die gedruckten Wörter zu einer Geschichte zusammenzusetzen. Nachdem ich endlich lesen gelernt hatte, verschlang ich ein Buch nach dem anderen. 2016 bin ich Mutter geworden und ich möchte meiner Tochter Sina die Welt der Bücher eröffnen wie sie einst mir geöffnet wurde.

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